Warum ich Aelxander Graham Bell nicht ausstehen kann ...

Eigentlich bin ich ein netter Mensch. Wenn ein Tag ohne Frühstück beginnt, verdirbt mir das ein bisschen die Laune, und regelmäßiges Bahnfahren hat einen Zyniker aus mir gemacht, doch abgesehen davon bin ich die Friedfertigkeit in Person. Okay, das stimmt so natürlich nicht, aber es würde  stimmten, wenn nicht ein gewisser Alexander Graham Bell eines Tages einen schrecklichen Apparat erfunden hätte: das Telefon!

Telefone gibt es inzwischen in allen Formen, Größe und Farben, doch sie alle erfüllen nur einen einzigen, grässlichen Zweck. Sie ermöglichen es Menschen, um die wir auf der Straße einen riesigen Bogen gemacht hätten, sich verbal in unsere Wonzimmer zu schleichen. Was mit einem unschuldigen Klingeln beginnt, endet nur zu oft im kommunikativen Super-GAU. Wider besseres Wissen habe ich dem unerbittlichen Läuten nachgegeben und immer und immer wieder Telefonate entgegen genommen. Die Gefahr habe ich nicht erkannt, doch mit einem Tag war sie plötzlich da: diese zügellose, unendliche Wut, die mich zu verzehren droht und mir jedwede Friedfertigkeit gründlich ausgetrieben hat!

Dabei war ich wirklich tapfer. Mit Engelsgeduld habe ich mir von täuschend echten Tonbandansagen erzählen lassen, dass ich den großen Gewinn gezogen hätte. Ich habe mir Einladungen zu dubiosen Fernsehsendungen angehört und mich über bombensichere Lotteriesysteme mit garantierter Gewinnchance informieren lassen. Und ich bin nicht einmal laut geworden! Meine Ex hat mir eindrucksvoll demonstriert, dass man das unscheinbare, kleine Gerät leicht zu einer Waffe umfunktionieren kann und ich habe die ersten Symptome gefühlt. Bluthochdruck bei Telefonklingeln, Fingerknöchel, die weiß hervortreten, sobald ich nach dem Telefon greife und eine etwas aggressive Betonung meines Nachnamens, sobald ich mich melde. Doch das alles war nicht weiter tragisch. Egal ob ich Dinge über ihren neuen Macker erfahren durfte, die ich niemals wissen wollte, oder für die erbärmliche Wirtschaftslage der dritten Welt verantwortlich gemacht wurde, sobald ich den Hörer wieder aufgelegt hatte, war ich wieder ruhig und ausgeglichen.

Doch gegen sie hatte mein friedliches Gemüt nicht den Hauch einer Chance. Plötzlich und ohne Vorwarnung drangen sie mit einem vermeintlich harmlosen Telefonat in mein Leben und zerstörten erst meinen Glauben an den gesunden Menschenverstand, dann meinen Geduldsfaden, dann meine gute Erziehung und schließlich auch meine Selbstbeherrschung. Mit den Worten "Einen schönen guten Tag, ich rufe im Auftrag der Deutschen Telekom an ..." begann der Anfang vom Ende. Derzeit stellt die Telekom ihre Tarife um und lässt die frohe Botschaft über Callcenter unter ihren Kunden verbreiten. Und da bei der Telekom Kundenfreundlichkeit groß geschrieben wird, bieten die freundlichen Callcenter Mitarbeiter den benachrichtigten Kunden auch gleich an, ihren aktuellen Tarif auf einen billigeren umzustellen. Ich weiß, bei so viel Kundennähe und Service hätte ich eigentlich vor Glück weinen müssen, doch da ich grundsätzlich keine Geschäfte über das Telefon abwickle, habe ich der netten Telefonistin erklärt, dass ich kein Interesse an einer Umstellung habe. Damit war für mich das Thema erledigt. Für das Callcenter leider nicht ...

Wenige Tage später kam dann der nächste Anruf und dieselbe Telefonistin war wieder am Apparat. Ich gebe zu, meine Aussage "Nein, ich will keinen neuen Vertrag", war vielleicht ein bisschen missverständlich. "Nein, ich will heute keinen neuen Vertrag, ich will keinen neuen Vertrag morgen und ich will auch nie einen neuen Vertrag übers Telefon abschließen!", wäre vielleicht treffender gewesen. Aber ich war guter Dinge, dass ich mich beim zweiten Gespräch klarer ausgedrückt hatte. Besagte Dame scheinbar nicht, weshalb sie sich wenige Tage später wieder bei mir meldete. Klar, das Denkvermögen von uns Männern ist beschränkt. Fußball, Sex und Essen sind in unserem Kopf omnipräsent, weshalb zumindest eine theoretische Chance bestand, dass ich mich an die ersten zwei Telefonate nicht mehr erinnern konnte und meinen Vorsatz, diesen Vertrag nicht abzuschließen, schlicht wieder vergessen hatte. Doch scheinbar hatte ich einen meiner seltenen hellen Momente und erklärte der freundlichen Dame standhaft und nun zum dritten Mal, dass ich den Vertrag nicht will! Und weil mein Verstand gerade auf Hochtouren lief, setzte ich noch einen drauf und steckte ihr, dass unser Telefonanschluss nicht auf mich zugelassen ist und ich deshalb rechtlich gar nicht dazu in der Lage bin, einen anderen Tarif abzuschließen. Thema erledigt.

Zumindest fast. Denn da unser Haushalt mehrere Telefonnummern hat, kann es ja nicht schaden, mal bei den anderen Nummern durch zu klingeln und dort ein entsprechendes Tarifangebot zu unterbreiten. Zumindest muss das der Gedankengang der entsprechenden Dame gewesen sein. Beim nächsten Anruf war meine Mutter das bedauernswerte Opfer, doch die erzählte der netten Telefonistin eiskalt, dass wir den Tarif im örtlichen T-Punkt umstellen lassen und uns herzlich für die Information bedanken. Das hatte gesessen. Zwei Tage lang war auch tatsächlich Ruhe, dann klingelte das Telefon allerdings wieder. Und - Überraschung - am anderen Ende der Leitung war wieder dieselbe Telefonistin. Diesmal erklärte sie uns freudig, dass die Tarifumstellung vorbereitet sei und wir nur noch unsere Kontonummer angeben müssten, um den Vertragsabschluss perfekt zu machen. Meine Ruhe und Gelassenheit waren zu diesem Zeitpunkt lange fort und auch meine Friedfertigkeit blätterte schon in den Last Minute Angeboten des örtlichen Reisebüros. Deshalb habe ich meiner geliebten Telekom-Trulla dann mit Nachdruck erzählt, dass wir bei ihr keinen Vertrag abgeschlossen haben und von ihr nie, nie, nie wieder angerufen werden wollen. 

Erstaunlicherweise hat sie das akzeptiert. Damit war der Fall eigentlich abgeschlossen. Eigentlich. Denn es bestand ja zumindest die Möglichkeit, dass in unserem Haushalt nur absolute Frauenhasser wohnen und wir den Vertrag nur nicht abgeschlossen hatten, weil der Vorschlag von einer Telefonistin kam. Als das nächste Mal das Telefon klingelt, erklärte mir dann ein freundlicher Telefonist, dass die Telekom derzeit ihre Tarife umstellt und ich exklusiv bei ihm einen neuen, billigeren Tarif abschließen kann! Das brachte das Fass dann zum Überlaufen und weil meine Friedfertigkeit nicht nur abgereist, sondern auch mit meiner Selbstbeherrschung durchgebrannt war, habe ich schnell aufgelegt, ehe ich gegenüber dem Telekom-Typen richtig ausfallend werden konnte. Was ihn dann nicht daran gehindert hat, auf unserer zweiten Nummer anzurufen...

Mittlerweile war ich gemeinsam mit meiner Mutter im T-Punkt, um den Vertrag umstellen zu lassen. Das geschah auch absolut problemlos und seit zwei Wochen haben wir nun einen neuen Tarif. Eigentlich die Geschichte damit zu Ende. Es gibt nur einen klitzekleinen Haken. Seither sind wir dreimal von einem gewissen Callcenter angerufen worden. Es könne ja sein, dass wir noch nichts davon wissen, aber die Telekom stelle gerade ihre Verträge um, weshalb für uns exklusiv billigere Verträge verfügbar seien...

Nun sitze ich hier mit dieser unzähmbaren Mordlust und überlege mir, wie viele Callcenter-Mitarbeiter ich erschießen muss, damit ich lebenslänglich im Gefängnis lande und dank anschließender Sicherheitsverwahrung nie mehr auch nur in die Nähe eines Telefons komme. Aber ich schätze, es gibt nur einen Weg das herauszufinden. Sollte jemals jemand von Euch Urlaub auf den Seychellen machen, irgendwo dort müssten meine Friedfertigkeit und meine Selbstbeherrschung am Strand in der Sonne liegen. Grüßt die beiden doch bitte von mir, die gemeinsame Zeit war echt schön.  

 

 

7.8.07 16:47, kommentieren

Schwerkraft besiegt Coolness!

Gestern war ein typischer Mittwoch. Weckerklingeln um 5:30, verspäteter Zug um 6:49, Logistik um 8:30 und Informatik um 12:00. Schlechtes Essen in der Mensa um 13:30 und Studienprojekt um 14:00 Uhr. Ein Tag ohne jedes Highlight. Nach der FH schien es nicht besser zu werden, ich bin um 16.00 Uhr an den Bahnhof gekommen und was war ausnahmsweise mal pünktlich? Der Zug um 15:58! Also warten!

Unruhiger Schlaf und frühes Aufstehen sind eine miese Kombination und weil der Bahnhof in Darmstadt nicht besser wird, wenn man völlig übermüdet ist, habe ich mein Elend mit einer Dose Redbull komplett gemacht. Nach dem Konsum war ich nicht nur müde und demotiviert sondern hatte auch noch ein menschliches Bedürfnis, für dessen legale Befriedigung man am HBF in Darmstadt 30 Cent zahlen muss. Doch wenn man den Ruf der Natur erhält, hilft halt kein Lamentieren und so habe ich die 30 Cent zähneknirschend bezahlt.

Direkt nach mir betrat ein junger Kerl das WC, der ein bisschen so ausgesehen hat, als wäre er gerade einem Peek und Cloppenburg Prospekt entsprungen. Allein sein Anzug dürfte mehr gekostet haben als mein Kleiderschrank und sein großkotziger Gesichtsausdruck hat gezeigt, dass ihm das sehr wohl bewusst war. Zwischen Ohr und Schulter klemmte ein Handy, über das er gerade ein Geschäftsgespräch abwickelte und zwar in einer Lautstärke, dass auch jeder Umstehende hören konnte, was für ein toller Hecht der Anzugträger ist. Natürlich setzte er das Gespräch auch fort, während er dann vor dem Pissoire stand und den Dingen seinen Lauf ließ.

Ein paar Augenblicke später teilte er dann folgende Erkenntnisse mit mir:

  1. Der Anschein von absoluter Überheblichkeit und Professionalität endet just an der Stelle, an der die Schwerkraft über die Reibungskräfte zwischen Ohr und Schulter siegt.
  2. Handys fallen auf öffentlichen Toiletten nicht zwingend auf den Boden, sondern können auf etwa halber Strecke auch in einem etwas unzweckmäßigen Auffangbehälter landen.
  3. Selbst versnobbte Jungmanager können wie Bierkutscher fluchen, wenn sie gerade ihr eigenes Handy im Klo versenkt haben!

Eigentlich ist meine Selbstbeherrschung ja ziemlich gut, aber bis ich meine Hände gewaschen hatte und das WC wieder verlassen konnte, litt ich unter akuten Erstickungsanfällen. Als ich dann endlich wieder in der Bahnhofshalle war, wurde ich wahrscheinlich von unzähligen Fahrgästen spontan für verrückt gehalten, weil ich erst mal herzhaft lachen musste und mich so schnell auch nicht mehr erholen konnte, aber zu dem Zeitpunkt war mir dann auch alles egal.

Man kann über das Bahnfahren sagen was man will, aber so geile Momente erlebt man im Leben nicht, wenn man ein eigenes Auto besitzt! Herzlichen Dank, liebe Bahn, dass ihr trotz allem immer wieder für ein Erlebnis gut seid! Und danke auch an das selbstlose Peek-und-Cloppenburg-Model, das sich so engagiert zum Affen gemacht hat, nur um meinen Mittwoch doch noch zu einem Highlight werden zu lassen!

1 Kommentar 21.6.07 12:27, kommentieren

Warum weiß-rote Schilder nicht immer zum Ziel führen ...

Das folgende Foto zeigt die Tiefgarage des Kinopolis in Viernheim.

Zugegeben, auf den ersten Blick ist darauf nichts spektakuläres zu erkennen. Auf den zweiten Blick entpuppt es sich jedoch als Analogie auf das Leben! Bei vielen unserer Entscheidungen lassen wir uns durch das Äquivalent von großen weiß-roten Schildern bei der Suche nach der richtigen Alternative leiten.

Vernunft ist beispielsweise ein solch weiß-rotes Schild. Die Vernunft hält uns oft davon ab Dinge zu tun, die riskant und vielleicht unangenehm sind, viel Überwindung kosten und am Ende wahrscheinlich sowieso nicht den erhofften Erfolg bringen.

Lebenserfahrung ist ein weiteres weiß-rotes Schild. Das bisherige Leben hat uns gelehrt, dass manche Situationen eben so sind, wie sie sind und sich durch nichts ändern lassen. Wir haben gelernt, welches Verhalten unsere Mitmenschen an den Tag legen und können fremde Menschen deshalb schon nach kurzer Zeit richtig einschätzen.

Auch Selbstzweifel sind ein weiß-rotes Schild. Misserfolge in der Vergangenheit haben unsere Schwächen offenbart und verschleiern den Blick auf die Stärken. Der ein oder andere Kampf ist im Leben bereits verloren gegangen und in uns reift die Erkenntnis heran, dass manche Dinge einfach nicht zu erreichen sind und der Versuch es doch zu schaffen nur in einem weiteren sinnlosen Kampf endet.

Manchmal sind auch Freunde weiß-rote Schilder. Kluge Ratschläge sind schnell erfragt und zeigen Wege auf, die man selbst nie gesehen hat. Aufgrund des gewissen Abstandes zu einem Problem können Freunde oftmals ohne emotionalen Ballast über unsere Sorgen nachdenken und eine sinnvolle, rationale Lösung für uns finden. Sie zeigen uns dabei die eigene Unvernunft auf und helfen im allgemeinen einfach dabei, dass "richtige" zu tun.

Leider bergen große weiß-rote Schilder eine große Gefahr. Sie versperren den Blick auf die kleinen blau-weißen Schilder, die wir aufgrund von starker Überbeleuchtung vielleicht gar nicht richtig lesen können. Doch oftmals steht gerade auf diesen Schildern der beste Weg. Und so ist das Leben ein bisschen wie die Beschilderung in der Tiefgarage des Kinopolis. Wir würden viel schneller ans Ziel kommen, wenn wir statt blindlings den weiß-roten Schildern zu folgen, manchmal einfach mal nach dem blau-weißen Schild suchen würden.

( "Zugang zum Rhein-Neckar-Zentrum" )

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Die Bahn kommt ... teilweise.

Wer öfter mal mit der Deutschen Bahn fährt, wird das Gefühl kennen: Die Abfahrtszeit ist längst überschritten, doch vom Zug fehlt jede Spur. Man schielt immer mürrischer auf die Uhr, bis aus den Lautsprechern die ersten Entschuldigungen über den Bahnsteig hallen und die ungute Vorahnung zur Gewissheit wird: Der Zug hat Verspätung! Mal wieder. Gründe dafür gibt es reichlich, mal ist ein defektes Signal schuld, mal eine kaputte Weiche oder ein liegen gebliebener Güterzug. Inzwischen habe ich von umgestürzten Bäumen bis zu Oberleitungsschäden alle Begründungen mindestens einmal gehört und geglaubt, dass mich nichts mehr so wirklich überraschen kann. Doch weit gefehlt, denn die Bahn hat es mal wieder geschafft!

Eigentlich war alles so wie immer. Nein, eigentlich war es sogar besser als immer! Denn als ich heute zum Bahnhof kam, stand der Zug superpünktlich und abfahrbereit am Bahnsteig. Erst auf den zweiten Blick ist mir dann aufgefallen, dass das so nicht ganz gestimmt hat. Eigentlich standen nämlich nur etwa 80% des Zuges superpünktlich und abfahrbereit am Bahnsteig. Man könnte zwar argumentieren, dass 80% Zug, die pünktlich eintreffen, besser sind als 100% Zug, die Verspätung haben. Das gilt jedoch nur, wenn in diesen 80% eine Lok enthalten ist! In diesem Fall war das leider nicht so, womit am Bahnsteig zwar eine Menge pünktlicher Waggons, aber eben keine dazugehörige Lokomotive stand. Diese hatte auf der Strecke von Frankfurt nach Darmstadt nämlich den Geist aufgegeben und musste ausgewechselt werden. Während man als Laie unter Auswechseln versteht, dass ein Gegenstand zeitnah durch einen anderen ausgetauscht wird, dann stimmt das nicht ganz mit dem Verständnis der Deutsch Bahn überein. Dort heißt auswechseln nämlich, dass man eine Lokomotive abkoppelt, aber erst mal keine neue als Ersatz heranbringt.

Doch ich will mich über die entstandene Verspätung im Grunde genommen auch gar nicht beschweren. Da in diesem Fall ja zumindest die Waggons bereitstanden, gab es im Gegensatz zu sonst reichlich Sitzgelegenheiten und eine Klimaanlage. Noch besser wäre es natürlich gewesen, wenn letztere nicht wegen mangelndem Strom funktionsuntüchtig gewesen wäre, aber über solche Kleinigkeiten sieht man ja großzügig hinweg. Selbst wenn diese Kleinigkeiten gute 30 Minuten andauern. Und man deshalb seinen Anschlussverbindung verpasst. Und deshalb erst eine Stunde später zuhause ist ...

Denn zumindest bin ich nun der Meinung, dass mich hinsichtlich der Deutschen Bahn wirklich nichts mehr überraschen kann! Höchstens vielleicht wenn es der Bahn irgendwann gelingt, nicht nur 80% des Zuges, sondern auch 80% der Züge pünktlich ankommen zu lassen. Aber das übersteigt wahrscheinlich selbst deren Fähigkeiten.

 

22.5.07 16:19, kommentieren

Bockenrod und die finsteren Pläne der Wirtschaftsbosse

Bockenrod ist ein Ortsteil von Reichelsheim und mit 172 Einwohnern nicht gerade groß. Wem es nach aufregendem Nachtleben auf kilometerlangen Partymeilen gelüstet, ist dort demnach an der falschen Adresse. Das heißt aber keinesfalls, dass Bockenrod nicht doch eine Reise wert ist. Ganz im Gegenteil, es gibt sogar eine Menge Gründe, warum man dort unbedingt vorbeischauen sollte! Abgesehen von schöner Landschaft und himmlischer Ruhe gibt es dort nämlich unglaublich nette Menschen, die das vielleicht beste Tiramisù nördlich der italienischen Staatsgrenze zaubern können.

Doch leider macht das Böse in der Welt auch keinen Halt vor idyllischen Dörfchen, netten Menschen und himmlischem Tiramisù. Denn Bockenrod ist unlängst ins Fadenkreuz von profitgeilen, skrupellosen Wirtschaftsbossen gerückt. Es gibt Industriezweige, die im Sommer so viel Gewinn ausschütten, wie ein Daunenjackenverkäufer in der Sahara. Die Wintersportindustrie ist zum Beispiel ein solcher Industriezweig. Oder die Spekulatiusindustrie. Doch wo man sich in diesen Branchen mit einem Umsatztief im Sommer einfach abgefunden hat, schmieden die Obersten einer anderen Branche finstere Pläne, um es mit schäbigen Tricks zu bekämpfen. Bei dieser Branche handelt es sich um den zunächst eher unverdächtig wirkenden Industriezweig der Taschentuchproduktion. Während dort im Winter dank Grippewellen und Dauerschnupfen das Geld nur so fließt, blieben die Kassen im Sommer bedingt durch gutes Wetter und unverwüstliche Gesundheit eigentlich leer. Doch die Wirtschaftsbosse haben in Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie ein infernalisches Werkzeug erschaffen, um diesen Missstand zu korrigieren: den Heuschnupfen! Getarnt als harmlose Pollen werden Sommer für Sommer weltweit massenhaft Reizstoffe verbreitet, um Immunsysteme ins Straucheln zu bringen und Nasen laufen zu lassen. So fließt deren Inhalt kiloweise in frisch produzierte Taschentücher, wodurch wiederum kiloweise Geld in die Taschen der Industriebosse fließt.

Was aber hat dieses schäbige Vorgehen mit einer beschaulichen Gemeinde wie Bockenrod zu tun? Nun, das ist einfach erklärt. Eine gewisse Autarkie von jegweder Zivilisation hat die Bockenroter über den Wandel der Generationen hinweg widerstandsfähig und äußerst zäh werden lassen. Damit die von der Taschentuchindustrie gestreuten Reizstoffe auf die Anwohner überhaupt einen Effekt haben, werden sie dort mit einer deutlich erhöhten Konzentration gestreut. Tatsächlich fliegen dort sogar so viele dieser Stoffe in der Luft herum, dass es fast so aussieht als würde es schneien (womit Bockenrod  - mit Ausnahme des Bundestages - der einzige Ort Deutschlands ist, an dem man von Klima unabhängig Schnee finden kann!). Doch während die Einheimischen selbst dieses Maß relativ beschwerdefrei ertragen können, muss man sich als Auswärtiger auf heftigste allergische Reaktionen einstellen.

Wer also die Gegenwart von liebenswerten Menschen, das möglicherweise beste Tiramisù außerhalb Venetiens und malerische Landschaften genießen möchte, muss daher ein erhebliches Maß an Leidtoleranz mitbringen. Und eben Taschentücher. Abhilfe kann da leider nur ein kompromiss- und schonungslos geführter Kampf gegen die Machenschaften der Taschentuchindustrie schaffen! Vielleicht lassen sich besonders nette Bockenroter bis zu dessen Ende aber auch dazu überreden, uns verweichlichte Städter ab und an auch wieder bei uns zu Hause mit ihrer Gegenwart zu beehren. Und die malerischen Landschaften findet man ja schließlich auch bei uns ...

 

1 Kommentar 19.5.07 20:56, kommentieren

Rückständig aus Tierliebe

Im Grunde genommen ist Großsachsen wie ein iPod: Modern, stytlisch und beliebt. Nein, ich gebe zu, der Vergleich ist nicht ganz treffend. Eigentlich ist Großsachsen wie ein iPod, den man in die Hülle eines alten Nokia 3210 gepresst hat: auf den ersten Blick langweilig, bieder, abgegriffen und altmodisch, aber im Kern doch irgendwie modern, stylisch und beliebt. Okay, auch dieser Vergleich hinkt ein bisschen, aber ich denke es wird klar, was ich sagen möchte.

Großsachsen ist eigentlich toller, als es aussieht!

Die Frage lautet nun, warum Großsachsen aussieht wie ein Nokia 3210, wenn es doch eigentlich ein iPod ist. Die Antwort ist denkbar einfach: Aus Gründen des Naturschutzes! Gut, vielleicht klingt das im ersten Moment etwas absurd, deshalb werde ich es kurz erläutern. Durch eine FORSA-Umfrage wurde ermittelt, dass Großsachsen vor allem wegen den oberirdischen Stromleitungen altmodisch und bieder erscheint. Um das Image vom Nokia 3210 in Richtung des iPods zu verändern, hätte es also nur einer unmaßgeblichen Umgestaltung des Dorfes bedurft. Doch gerade die ist aus umweltpolitischen Gründen unvertretbar.

Denn während die Bundesregierung uns Bürgern mit unzähligen Debatten um Umweltschutz und Klimawandel Flugreisen vermiest, sind Langstreckenflüge im Tierreich noch nichts verwerfliches. Winter für Winter fliegen Zugvögel gen Süden, um Sommer für Sommer wieder zurückzukehren. Gerade für kleine Vögel ist die weite Strecke in den verdienten Winterurlaub jedoch mit unzähligen Strapazen verbunden, was regelmäßiges Rasten unerlässlich macht. Da jedoch immer mehr Gemeinden dem Innovationswahn verfallen und überirdische Stromleitungen gegen ein unterirdisches Versorgungsnetz ersetzt, gibt es Deutschlandweit immer weniger geeignete Rastplätze für diese bedauernswerten Pauschaltouristen.

Großsachsens Gemeinderäte haben ein Herz für geplagte Zugvögel und den geplanten Abbau der Oberleitungen daher gestoppt. Seither ist Großsachsen Dreh- und Angelpunkt für den Vogelflugverkehr Süddeutschlands! Mittlerweile ist sogar ein Ausbau der bestehenden Oberleitungen geplant, um dem wachsenden Flugverkehr Herr zu werden, allerdings beschweren sich bereits jetzt erste Anwohner über einen frappierenden Anstieg des Fluglärms ...

Großsachsen wird das Image des Nokia 3210 auf diese Weise wahrscheinlich nie ganz abschütteln können, doch die Anwohner sind stolz darauf, dass sich die Dorfoberhäupter aus Tierliebe nicht auf oberflächliche Modernisierungsabenteuer eingelassen haben. Und im Herzen wird Großsachsen sowieso immer ein iPod bleiben. Auch wenn der Vergleich vielleicht wirklich ein bisschen hinkt ...

1 Kommentar 8.5.07 17:41, kommentieren

Zwischen den Zeilen!

Es gibt Sätze, die sollten einem einfach zu denken geben. Meistens kommen diese Sätze ganz harmlos daher und klingen vielleicht sogar hoffnungsvoll! In Wirklichkeit sind sie aber die einzige Warnung vor einer unausweichlichen Katastrophe! Doch leider erkennen wir das erst, wenn es längst zu spät ist.

"Die Wegbeschreibung ist scheiße, fahr' mal da vorne gleich links, das geht viel schneller!" ist zum Beispiel ein solcher Satz. Denn was nach einer Abkürzung klingt, bedeutet eigentlich folgendes: "Wenn Du gleich links fährst, kommst Du in ein Gebiet voller Einbahnstraßen, in die Du alle nicht reinfahren darfst, weil Du aus der falschen Richtung kommst. Sorry, als ich das letzte Mal hier durchgefahren bin, war das irgendwie noch anders geregelt. Aber es ist ja auch nicht schlimm, wenn wir ne halbe Stunde zu spät kommen. Und ne Stadtrundfahrt durch Feudenheim ist ja auch nicht das Schlechteste! Ach übrigens, sooo scheiße war die Wegbeschreibung gar nicht, wenn ich darüber nachdenke." Eigentlich hätte ich aus dieser Situation lernen sollen ...

Von wegen! Deshalb fand ich "Sie brauchen x und y für die Klausur nicht vorzubereiten, das bringe ich sowieso nicht dran." auch sehr freundlich. Zumindest bis mir dann in der Klausur klar geworden ist, dass sich dahinter eigentlich etwas anderes verbirgt. "Sie brauchen x und y nicht extra für die Klausur zu lernen! Wenn Sie das nicht sowieso schon gekonnt haben, sind sie an der Uni sowieso falsch. Aber machen sie sich keine Gedanken darüber, denn dann geht es Ihnen so wie etwa 80% ihrer Kommilitonen auch. Allerdings sollten Sie ihren weiteren Lebensweg nun schnell planen. Der McDonalds am Bahnhof hat nämlich nicht genügend freie Stellen, als das 400 junge Menschen dort unterkommen könnten, die einfach zu dumm zum Studieren sind!" Spätestens nach dieser Erfahrung, hätte es klick machen sollen ...

Doch leider hat es das nicht. Deshalb habe ich mir auch nichts böses gedacht, als mir der Zahnarzt gestern folgendes gesagt hat: "So, das war's für heute. Ich wünsche Ihnen ein schönes und schmerzfreies Wochenende." Doch heute weiß ich nun, dass das folgendes heißt: "In Ihrer Haut will ich nicht stecken. Es wäre wahrscheinlich eine gute Idee, die Aspirinvorräte der lokalen Apotheken leer zu kaufen. Aber seien Sie nicht zu hoffnungsvoll, viel wird das nämlich auch nichts nützen. Am Ende wird zwar Ihr Magen streiken, doch der Zahn wird immer noch höllisch wehtun! Legen sie sich am besten einfach ins Bett, machen den Rollladen zu und vermeiden alle schmerzhaften Aktivitäten. Wie z.B. Atmen. Vielleicht denken Sie einfach an was schönes. Zum Beispiel an die Zyste, die wir heute auf Ihrem Röntgenbild entdeckt haben! Aber so groß ist die ja eigentlich auch gar nicht, vielleicht muss die ja gar nicht entfernt werden."

Meinem Zahn geht es heute nicht wirklich besser und ich weiß mal wieder, warum ich Zahnärzte nicht mag. Aber wenigstens habe ich diesmal dazugelernt. "Vielleicht muss die gar nicht entfernt werden." heißt definitiv nicht das, was ich hoffe ...

1 Kommentar 5.5.07 12:49, kommentieren


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