Heimatkunde dank Selbstmord!

Es gibt unzählige Methoden sich das Leben zu nehmen. Man kann von Hochhäusern springen. Man kann einen Strick nehmen. Man kann Medikamente schlucken. Man kann durch Heppenheim fahren und blind darauf vertrauen, dass sich die Leute dort an gängige Vorfahrtsregeln halten. Oder man kann einem Großsachsener erzählen, dass der andere Ortsteil von Hirschberg eigentlich der schönere ist! Aber warum sollte man solch egoistische Wege beschreiten, wenn man genauso gut auch etwas für seine Mitmenschen tun kann?

... indem man sich zum Beispiel vor einen Zug schmeißt!

 Ich fahre jetzt beinah täglich die selbe Bahnstrecke, von Weinheim nach Darmstadt und wieder zurück. Zwischen Weinheim und Darmstadt liegen viele lustige Orte mit noch lustigeren Namen, doch irgendwann hat man sich einfach daran satt gesehen. Spätestens wenn man von Auerbach bis Zwingenberg alle Dörfchen im Schlaf aufsagen kann, entsteht auf der Fahrt ein gewisses Maß an Langweile. Nach einer Zeit ist man dann für jede Abwechslung dankbar. Zum Glück gibt es ein paar sozial veranlagte Märtyrer, die eben solche Abwechslung ermöglichen.

 Diese beginnt dann schon damit, dass man den Bahnhof betritt und - statt der normalen, elendig langweiligen "Zug kommt 5 Minuten später" Hinweise - auf den Schalttafeln spannende, frische und aufregende "Zug fällt aus" Schildchen lesen kann. Natürlich vor allem bei den Zügen, mit denen man eigentlich fahren wollte. Während man dann überlegt, wie man mit dem plötzlichen Abwechslungs-Flash umgehen soll, kann man sich auch schon mal das Wort "Streckenvollsperrung" auf der Zunge zergehen lassen und sich darauf freuen, dass ein unglaublich langweiliger Nachmittag auf dem heimischen Balkon durch einen kurzweiligen, abenteuerreichen Nachmittag in der Gesellschaft von unzähligen, interessanten Fremden substituiert wird. Da schlägt das Herz vor Freude doch gleich viel schneller!

 Zwar fahren irgendwann (nach 60 Minuten!) die ersten Züge wieder, doch die deutsche Bahn wäre nicht die deutsche Bahn, wenn sie einen solch gelungenen Nachmittag nicht noch aufwerten könnte! Zum Beispiel in dem sie spontan entscheidet, die Züge nicht mehr dorthin fahren zu lassen, wo sie fahrplanmäßig eigentlich hinfahren sollten! Zum Beispiel statt nach Heidelberg, nach Mannheim. Aber nicht über die übliche Route - denn das würde ja dem Tagesmotto widersprechen - sondern über eine innovativere. Zum Beispiel über Langen. Und Klein Gerau. Und Bobstadt. Und Biblis! Und Lambertheim. Das ist dann ungefähr so, als wollte man von Süddeutschland in die Schweiz fahren, dabei aber einen unwesentlichen Umweg über die Niederlande, Frankreich, Spanien, die Kanaren und Italien machen, anstatt die spießige Direktroute zu wählen. Doch weil das immer noch nicht spaßig genug ist, würzt die Bahn das Geschehen dann auch noch mit einem Hauch von Ungewissheit und lässt Züge schon mal etliche Minuten irgendwo in der Pampa stehen, ohne den entnervt ... euphorischen Fahrgästen mitzuteilen, wann die Fahrt weitergeht oder zumindest warum der Zug schon wieder steht. Schließlich würden konkrete Informationen die Reisenden auch nur irritieren und sie von den herrlichen Eindrücken der zuvor noch nie gesehenen Landschaft ablenken.

 Leider war der Spaß nach knapp 3 Stunden dann auch wieder vorbei und ich wurde zurück in mein langweiliges Leben entlassen. Geblieben ist das ergreifende Gefühl, an einem einmaligen Ereignis teilgehabt zu haben.  Statt dem üblichen Trott sind unverhofft so viele neue Eindrücke auf mich hereingeprasselt, dass ich kam imstande bin schon jetzt alles Erlebte zu verarbeiten. Denn erst dieser Tag hat mir die Augen geöffnet und mir die Gewissheit geschenkt, dass es ein Kaff (Dorf/Stadt/Metropole?!?) namens Bobstadt gibt, dass dieses Kaff (Dorf/Stadt/Metropole?!?) im Landkreis Ried liegt und dass es einen potthässlichen Bahnhof hat. Wenn ich mir vorstelle, dass ich die Zeit, in der ich diese Odyssee erleben durfte, unter anderen Umständen mit einem spannungsfreien Buch auf unserem langweiligen Balkon verschwendet hätte und am Ende konservativ entspannt gewesen wäre, könnte ich heulen. Vor Glück, versteht sich!

 Daher bleibt mir nichts weiter als Dir herzlich zu danken, namenloser Märtyrer! Leider ist meine Seele sensibel und nicht dafür gemacht einen solchen Hochgenuss in naher Zukunft erneut zu durchleben. Ein ähnlich spannender Tag würde mich emotional ziemlich aus der Bahn werfen. An den nächsten Märtyrer daher mein Wunsch: Fahr' doch bitte nach Heppenheim!

19.4.07 23:05

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